1000 sm Qualifier 1.Versuch 2012

Hier die vor ewigen Zeiten angekündigte Rückschau auf meinen Qualifier.

Zuerst die Fakten :

  • Zurückgelegte Distanz: 764sm
  • Fehlende Distanz: ca 330sm
  • Reisezeit bis zur Aufgabe: 5 Tage
  • Schnellstes Etmal : 190sm ( 8 kn Durchschnitt auf dem Weg von Irland nach Süden)
  • Größte Geschwindigkeit durchs Wasser : > 20kn (mit Mittlerem Spi + 1. Reff bei ca 26kn Wind aus etwa 165 Grad) und 3-4m Welle
  • Wetter zum Zeitpunkt der Aufgabe : OSO mit 40kn+ und Böen bis weit über 50kn
  • Distanz und Kurs zum nächsten Wegpunkt : 150sm Kurs 113 (OSO)
  • Wetterprognose zum Zeitpunkt der Aufgabe: unklar – BFT 7 aus W ? , was an der Ile Re und in La Rochelle eine Wellenhöhe von 6m und mehr bedeutet hätte

Und nun der etwas ausführlichere Bericht:

—————————————————————————————————————————————–

Wie immer gab es dabei mehrere Ziele:

  1. Ziel: Gesund zurückkommen und möglichst wenig Schäden am Boot zu verursachen : OK
  2. Ziel: Zu schauen, ob ich persönlich in der Lage bin, mehrere Tage unter u.U. schwierigen Bedingungen allein auf dem Boot zu sein: OK
  3. Ziel: Eine längere Strecke classe-mini-konform (also ohne Plotter) zu planen und durchzuführen: OK
  4. Ziel: Zu schauen, ob mir das Ultralangstreckensegeln auf einem 6,5m Boot auch unter schweren Bedingungen gefällt: Leider nein – jedenfalls nicht, wenn ich dabei nass werde und frieren muss
  5. Ziel: Wie segelt sich das Boot unter unterschiedlichsten Bedingungen – wie zuverlässig ist die Technik : Alles bestens – Limit ist der Mensch :

5.1. bei wenig Wind – ist es wichtig, das Boot in Wellen nicht abzustellen – dann werden selbst 2kn Wind in Fahrt umgesetzt

5.2. bei viel Wind von hinten : tolle aber extrem nasse Spiritte, da der Bug (noch) nicht genug hoch kommt ?

5.3. bei sehr viel Wind von hinten : grandios, wie man dann über die Wellen tanzen kann, aber auch sehr nass, da jedes Eintauchen in einen neuen Wellenberg zu regelrechten Spülgängen führt

5.4. bei mässig Wind von vorn : tolle Kreuzeigenschaften mit bis zu 6..6,5kn am Wind bei bis zu 40 Grad TWA – bei (alt)Welle ebenfalls noch gut, nur TWA etwas geringer

5.5. bei viel und sehr viel Wind ohne Welle – ebenfalls recht gut, da die Segelflächen gut angepasst werden können

5.6. bei sehr viel Wind (Sturm) und hoher Welle – wie wohl bei jedem anderen Schiff – kaum aufkreuzen möglich

5.7. Autopilot – ein Traum – insbesondere in der Nacht oder wenn die Orientierung schwerer fällt (nach Kompass steuern ist nicht ewig toll, wenn der nicht im direkten Sichtfeld ist) oder wenn die Bedingungen draußen schwierig sind (hoch am Wind bei hoher Welle und mit sehr viel Lage)

5.8. Ablesbarkeit der Instrumente: nicht so toll, da nicht schwenkbar und so sehr vom Blickwinkel abhängen. Auch fehlt mir ein Instrument in der Kabine, welches mehr als nur GPS-Kurs und Position anzeigen kann

5.9. Trimmeinrichtungen insbesondere Großschot MUSS von innen bedienbar werden – eventuell 2 Klemmen in der Nähe des Eingangs oder Verlegung auf das Kajütdach

6. Ziel: Schlafmanagement – interessanterweise gar keine/kaum Probleme

7. Ziel: Kam erst unterwegs auf – wie lange kann eigentlich in nassen Sachen weiter existieren ? : sehr lange aber schön ist anders … X. Ziel: Sich für das Transat zu qualifizieren : leider nein

—————————————————————————————————————————————–

Tag 0 : Anreise und Überführung von Pornichet nach Lorient:

Am Tag 0 musste ich das Boot erst mal von Pornichet nach Lorient überführen um es dort umzupacken (Fahrrad raus, Überlebensanzug rein, …) und einige kleinere Reparaturen durchzuführen. Leider verkehrte die Bahn am Flughafen Orly nicht und der Bus quälte sich 1 1/2h durch den morgendlichen Berufsverkehr, weshalb ich leider den TGV nach Pornichet verpasste und erst 2h später losfahren und in Pornichet (bzw. La Baule) ankommen konnte.

Dort habe ich nach diversen Einkäufen gegen 17:00 endlich das Schiff halbwegs seeklar bekommen (immerhin 60sm) und bin auch gleich losgefahren. Die Strecke war im wesentlichen ein hartes Reachen bei mittleren Winden und bis auf den Bagger vor Lorient gab es keine weiteren Probleme. Gegen 03:00 war ich endlich im Hafen (Schnitt ca 7kn) und habe dann bis 08:30 gut geschlafen.

Tag 1: Ausfahrt Lorient – Ile De Sein

———————————-

Nachdem ich bis etwa 8:30 geschlafen habe und Frühstück gegessen hatte, ging es an’s Umpacken sowie diverse kleinere Reparaturen. Zu guter letzt wurde noch mal ein Satz neuer Gribdaten heruntergeladen und da zeigte sich eine unerwartet problematische Entwicklung – mehr als 30kn aus N für Dienstag, die ich laut Routing direkt von vorn bekommen würde … Also hieß es, möglichst schnell auf dem Weg nach Norden zu sein, denn dagegen wäre das Pornichet Select eine einfache Segelei gewesen. Gegen 16:00 wurde abgelegt und es begann ein schnelles Code-0-Segeln bis kurz vor die Ile de Sein.

Tag 2: Ile de Sein – 50sm vor Scilly Inseln

——————————————————–

Ebenfalls noch schnelles Segeln mit Code-0 bis hinter das TSA Ushant – dort in der Flaute für etwa 2h “fast geparkt” und danach erst mit Spi und dann wieder mit Code-0 in die nächste Nacht hinein, die mich an den Scillys vorbei geführt hatte.

Tag 3: Scilly Inseln – Coningbeg (Irland) ——————————————————

Das war einer der aufregendsten Momente: mit bis zu 12kn und kaum merklicher Welle in der Nacht an den Scilly Inseln vorbei in eine dunkle Wolkenwand hinein zu rasen, die aussah wie ein Wald, weshalb ich erst mal das Lot befragen musste (ist normalerweise nicht sichtbar), wie tief es eigentlich ist.

Am Morgen regnete es erst und der Wind drehte stark abflauend kurzfristig auf N, wodurch ich die Wellen auf dem einen (W) Bug direkt von vorn hatte oder mit ca 90 Grad – Ich entschied mich für die östliche Richtung und schon nach einer Stunde war der alte Westwind wieder da und ich konnte bei zuerst Sonnenschein und später Regen Coningbeg (Nordspitze des Kurses vor Irland) mit stetig zunehmendem Westwind anliegen. Sehr nasses Segeln übrigens.

Tag 4: Coningbeg – TSA Ushant

——————————————————-

Nun habe ich es doch geschafft, vor dem Nordschwenk noch um die Nordmarke herum zu kommen. Leider war aber bis auf ein paar Leuchttürme und eine Boje (Coningbeg) nichts von Irland zu sehen.

Der Wind nahm nun stetig zu und ich segelte nachts zuerst – weiterhin nass und frierend – bei ständig zunehmendem NW-Wind (Spitzen bis etwa 35kn) mit 2. Reff und gereffter Fock sicher nach Süden. Im Laufe des Tages flaute der Wind etwas ab und gegen Mittag wurde die Fock bei etwa 25kn Wind gegen den mittleren Spi getauscht und es begann eine äußerst rasante (und nasse) Fahrt, die in Spitzen über 20kn ging womit ich über die Wellen fast flog und das kurzzeitige “Eintauchen” in den nächsten Wellenberg vor dem Boot mit einem Vollwaschgang einher ging. Aber das war eindeutig der Höhepunkt der gesamten Reise.

Durch die sehr rasante Fahrt – diesmal westlich an den Scillys vorbei – war ich schon kurz nach Mitternacht an der NW-Spitze des TSA Ushant angekommen – ca 200sm in 25h – kein schlechtes Etmal dafür, dass ich erst recht spät den Spi gezogen hatte …

Tag 5: TSA Ushant – Biskaya (ca 100sm westlich Belle Ile) ——————————————————————————

Tag 5 begann damit, dass ich mit dem Spi in stark abnehmendem Wind nicht direkt auf dem Kurs fahren konnte und so kurz vor dem TSA 2x halste um etwas näher an den kürzesten Kurs ran zu kommen und dann um nicht in das TSA hineinzufahren.

UK Coastguard sprach inzwischen für den nächsten Tag für die Biskaya von BFT 7 aus NO, wozu ich zwar keine Lust hatte (weil sehr nasses Reachen), was aber segelbar wäre. Weiter gehende Wetterprognosen gab es nicht. Danach begann eine sehr ruhige Nacht in der ich das erste Mal den Schlafsack benutzt hatte – Die Welt war also wieder in Ordnung.

Der Wind schlief irgendwann komplett ein und kam als stetig zunehmender OSO-Wind wieder. Zu Beginn war die Wellenhöhe noch sehr klein und ich hätte, wenn ich denn die weitere Entwicklung vorhergesehen hätte, in Richtung ONO segeln und damit dem späteren sehr hohen Seegang etwas ausweichen können. Allerdings wurde mir von der UK-Coastguard ja NO versprochen, womit ich im Verlauf wieder auf einen SO-Kurs hätte gehen können … Dem war aber nicht so und der Wind legte stetig zu und es begann eine wilde Nacht an deren Ausgang der Wind über 35kn lag mit Böen weit über 40kn. Gut, dass man sich auf den Autopiloten so gut verlassen konnte, der mir ersparte, unter diesen Bedingungen, ohne Sicht, von Hand zu steuern.

Tag 6: Kampf und Warten im Sturm und Weg zurück in Richtung Lorient

————————————————————————————-

Gegen 04:00 und bei einem Kurs (über Grund) von ca 200 Grad ( Zielkurs war ca 110 Grad) fasste ich den Entschluss, doch zu versuchen, etwas weiter nach Osten und damit in die Landabdeckung zu kommen. Aber aus etwa 90 Grad Kompasskurs wurden ca 28 Grad, womit ich eher in Richtung England als Frankreich segelte. Das war der absolute Tiefpunkt und der Wind legte noch weiter zu, so dass ich auf die Sturmfock wechseln musste, was unter den Umständen (4m brechende Welle und 40kn Wind und in Böen weit darüber) alles andere als einfach war.

Irgendwann war aber die Fock unter Deck und die Strumfock oben und ich hoffte, mit Sturmfock und 3. Reff etwas mehr Luvgewinn zu machen. Dem war aber leider nicht so und dadurch, dass ich in den kurzen “Pausen” mit weniger als 30 kn Wind nun leider stark unterpowert war, wurde es eher noch schlechter mit dem Kurs.

Das, was ich von den rein kommenden französischen Wetterwarnungen verstand war, dass eine weitere “Depression” im Anmarsch war mit BFT 7 aus W, was meine Stimmung nicht sonderlich hob. Gegen Mittag entschloss ich mich also nach dem Wenden zum “Abwarten”, wozu ich den Autopiloten einen scheinbaren Windwinkel von ca 50 Grad steuern ließ, woraus über Grund langsame 180 Grad wurden und lag nun für die nächsten 3 Stunden frierend und nass aber sich sehr sicher fühlend auf meinen Spinnackern unter Deck.

Mit Sportbooten war unter den Bedingungen nicht zu rechnen und die sonstige Schifffahrt hatte ich dank AIS gut im Blickfeld. Um 15:30 war der Wind so weit abgeflaut und auf SO gedreht, dass ich wieder auf die normale Fock wechseln konnte und auf Kurs Ost wenden konnte, was aber wegen der alten Welle noch stundenlang recht anstrengendes Segeln waren.

Dabei ist es mir nie in den Sinn gekommen, wieder auf Kurs Süd zu gehen, da ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Kapitel Minisegeln bereits abgeschlossen hatte und das Boot eigentlich schnellstmöglich wieder verkaufen wollte.

Irgendwann drehte der Wind dann immer weiter über S=>SW, so dass ich sogar noch den Spinacker setzen konnte und mich gegen Mitternacht bereits im Bereich der Glenans (ca 25sm vor Lorient) befand.

Tag 7: Ile des Glenans => Lorient

—————————————————

Das war schon fast wieder schönes und vor allem einfaches Segeln, welches ich um 03:50 mit einem perfektem Aufschießer im AOS-Hafen von Lorient beendete. Danach war ich erst einmal überglücklich, wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben, meine nassen Segel raus legen, meine nassen Sachen ausziehen und in den Schlafsack kriechen zu können.

Am nächsten Morgen blies es selbst im Hafen mit etwa 30kn aus West, so dass ich nach dem Duschen und behelfsmäßigem Bootsklarieren nur noch meine Sachen nehmen und mit dem Taxi zum TGV zum Flieger nach Berlin fuhr.

Qualifierversuch ex

 

Resume nach etwa einem Monat Abstand:

Minisegeln ist KEIN Yachtsegeln, sondern Jollensegeln auf dem Ozean. Das bedeutet, dass die Kleidung einem ständigem Vollwaschgang auch gewachsen sein muss – sprich Trockenanzug. Ich denke, dass mir die Reise vielleicht sogar Spaß gemacht hätte, wenn ich nicht (fast) ständig nass und frierend auf das Ende gehofft hätte.

Dass man als nicht französisch sprechender Ausländer dagegen classemini-konform in Frankreich kaum an brauchbare Wetterinformationen kommt … nun, damit muss man wohl leben und irgendwie wollen sie ja auch ihren Heimvorteil behalten …

Schon nach 1 Woche hatte ich mich soweit erholt, dass der Verkauf erst mal wieder nach hinten geschoben werden konnte und stattdessen ein Trockenanzug für MAP und Fastnet angeschafft wurde …

Viele Grüße und anbei noch ein paar Bilder sowie die Wetterdaten während des Abbruchs

Leave a Reply